Was ich noch sagen wollte

PhilPublica stellt vor

Titelbild: Ruth Edith Hagengruber

Ruth Edith Hagengruber

Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Paderborn

Sie haben kürzlich Ihr Amt als neu gewählte Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Philosophie angetreten. Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die größten Herausforderungen für die akademische Philosophie?

Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen so zu strukturieren, dass sie fruchtbar für unsere Zukunft werden. Zurzeit wird häufig der Rekurs auf die Philosophie der Aufklärung genommen. Mit ihren großartigen Ideen gestaltete sie einst Weltpolitik. Nun gilt es, diese Ideen zusammen mit den kritischen Diskursen, die sie provoziert haben neu zu formulieren. Woran ist die Aufklärung gescheitert? Anstelle von Gleichheit folgte Unterwerfung und Kolonialismus. Wie bestimmt sich Europa als Idee und im Streit der heute stärker denn je propagierten Nationalismen? Wie fassen wir Gleichheit und Vielfalt im Kontext der Wissensgesellschaft? Wie verhält sich Recht zu Wissen und Wohlstand?

Verbinden Sie mit dieser Diagnose und diesen Fragen eine Agenda als Präsidentin der DGPhil?

Durchaus. Meine Amtszeit steht unter dem Motto, Europa neu denken. Die europäische Philosophie erfährt heute die große Chance, sich und ihre Aufgabe neu zu bestimmen, um die philosophischen Ideen und Werte zu ringen und in der Sprache der Gegenwart die Zukunft zu formen und einen neuen Anlauf zu unternehmen, diese Welt zu gestalten.

Woran arbeiten Sie gerade?

Aktuell schließe ich die Neuedition von Du Châtelets Naturlehre ab. Der Text beeinflusste Kant, Euler und andere und erschien zum ersten Mal 1743 in deutscher Sprache.

Was ist Ihr Lieblingszitat?

Kein Philosoph weiß alles und jeder weiß etwas. Bei Newton und Aristoteles finden sich die größten Absurditäten neben den besten Ideen.

Von Émilie Du Châtelet, 1706-1749. Die Philosophie verfährt ja, ihrem aufklärerischen Erbe zum Trotz, häufig sehr idolatrisch.

Welchen Rat hätten Sie gern zu Beginn Ihrer Laufbahn erhalten?

Das Philosophische Institut ist ein Zoo. Das eine Tier spuckt, das andere tritt. Ich habe den Rat erhalten, habe ihn aber lange nicht verstanden:

Welche/r Philosoph/in sollte mehr gelesen werden?

Es gibt viele herausragende philosophische Texte, die derzeit nicht gelesen werden. Ich finde zum Beispiel, dass Tommaso Campanellas Metaphysik und Wirtschaftsphilosophie unterschätzt sind. Campanella hat eine Ökonomische Theorie der Conservatio entworfen, die für uns heute sehr hilfreich wäre. Das Zirkulationsmodell der Ökonomie wurde entwickelt von Hazel Kirk die auch keiner mehr kennt. Die Theorien der Philosophinnen beinhalten 1000 Ideen, die uns enorm bereichern würden. Das trifft auch zu auf Hildegard von Bingens Idee über den Menschen in der Natur und über die geschlechtlich vielfältige Natur des Menschen.

Gibt es philosophischen Fortschritt? Wenn ja, was ist ein gutes Beispiel dafür?

Natürlich gibt es philosophischen Fortschritt. Kants Formulierung des Kategorischen Imperativs ist einer, auch wenn er bis heute von vielen in seiner Strenge und als Lösung vieler Probleme gar nicht verstanden wird. Carnaps Kritik an der fabulierenden Metaphysik ist ein solcher. Die Idee der erweiternden Wissenschaft und ihrer Hypothetizität entspringt einer Einsicht Du Châtelets und stellt einen großartigen Fortschritt der Philosophie und Wissenschaft dar.

Worin besteht die größte Herausforderung der KI für die Philosophie?

Neben all den Missbräuchen, die es auf allen Gebieten gibt, in der KI wie auch in der Philosophie, ist die KI eine echte Chance für die Philosophie. Jetzt kann sie endlich beginnen, jene Leistung des Denkens zu erforschen, die weit über die logisch – auch von der KI – rekonstruierbaren Zusammenhänge hinausgeht.

Ist es immer gut, vernünftig zu sein?

Ja. Die philosophische Kunst besteht darin, zu bestimmen, was das heißt.

Welchen Gegenstand, der nicht dem physischen Überleben dient, würden Sie mit auf die Robinsoninsel nehmen?

Meine Zeichenutensilien.

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