Was ich noch sagen wollte
PhilPublica stellt vor
Nicola Mößner
Welcher philosophische Text hat Ihr Leben verändert?
Tatsächlich habe ich viel von Albert Camus und aus dessen Werken gelernt. Insbesondere wurde mir durch ihn klar, dass philosophische Arbeit auch für Menschen möglich ist, die nicht in der Hausbibliothek der eignen Familie groß geworden sind. Dass auch Menschen ohne akademischen Hintergrund, ohne bürgerliche Allüren, ohne finanzielles Polster bedeutende philosophische Werke schaffen können. Durch ihn habe ich erfahren, dass Philosophie und Literatur aufs Engste miteinander verwoben sein können. Dass die Philosophie hierdurch auch eine wertvolle Ausdrucksdimension hinzu gewinnen kann – nicht unbedingt muss, aber kann.
Sein Vorbild hat mich ermutigt, diesen Weg selbst zu gehen.
Was stört Sie an der akademischen Philosophie?
Ich finde es schade, dass innerhalb der akademischen Philosophie selten die eigenen Grenzen überschritten werden. Jeder Schuster bleibt hier, sozusagen, bei seinen Leisten. Dabei scheint mir, dass etliche Diskussionen davon profitieren würden, wenn man sich quasi intradisziplinär ein wenig mehr öffnen würde.
Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Ja, die Philosophie der Fotografie, an der ich gerade arbeite. Viele denken dabei sofort an die Ästhetik. Und, ja, natürlich wird hier auch diskutiert, ob fotografische Werke Kunst sein können und, wenn ja, unter welchen Bedingungen – aber eben nicht nur. Fotografie hat darüber hinaus auch eine epistemische Dimension, wenn sie als Informationsträger, als Belegmedium in journalistischen Berichten oder im wissenschaftlichen Diskurs auftaucht. Und sie hat eine ethische Dimension, wenn wir beispielsweise an die Bildberichterstattung aus Krisen- und Kriegsgebieten denken. Alle diese Aspekte gehören zur Philosophie der Fotografie dazu, werden aber häufig nicht gesehen, weil PhilosophInnen selten über den Tellerrand ihrer eigenen Fachgebiete – Ästhetik, Epistemologie, Ethik – hinausschauen, obwohl sie davon oft in ihrer Arbeit profitieren könnten.
Worin besteht die größte Herausforderung der KI für die Philosophie?
Das ist natürlich ein Hype-Thema im Moment, auch innerhalb der Philosophie. Die KI hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben gewonnen.
Ich will gar nicht bestreiten, dass sie vieles ermöglicht und vor allem uns auch einiges erleichtert hat (langweilige E-Mails zu schreiben beispielsweise), aber gerade im alltäglichen Umgang mit ihr sind die Menschen doch sehr unkritisch. Kate Crawford hat ein sehr gutes Buch darüber geschrieben („Atlas of AI“), in welchem sie beispielsweise die ökologischen Folgen unserer Technologiegläubigkeit detailliert schildert und kritisiert. Diese Studien liegen bereits seit den Anfängen der KI vor und, nein, die Technologie hat noch nicht dazu geführt, die Probleme zu lösen, die sie selbst geschaffen hat. Das scheint mir im Übrigen eine naive Sichtweise zu sein.
Wie denken Sie über den Einsatz der KI im Bildungsbereich?
Warum brauchen wir KI in Schulen? Sollten die Kinder nicht lieber Grundkompetenzen lernen, die sie in ganz verschiedenen Kontexten später einmal werden nutzen können? Warum müssen wir in den Universitäten erst LLMs für alle zugänglich machen, um uns danach endlos damit zu beschäftigen, wie wir ihren missbräuchlichen Einsatz in Prüfungsarbeiten wieder eindämmen können?
Haben Sie auch eine spezifisch philosophische Perspektive auf die KI?
Die KI darf vor allem nicht dazu führen, dass wir ihr das Denken überlassen. In der Philosophie Texte zu verfassen, heißt eben auch, sich gedanklich mit einem Thema auseinander zu setzen, dieses zu erarbeiten und eigene Ideen sowie Argumente dazu zu entwickeln. Es geht darum, selbst ein Verständnis für die Fragestellungen und Probleme zu gewinnen – nicht darum, einfach nur nachzuplappern, was eine Maschine für uns zusammengefasst hat. Ich finde es bedauerlich, dass das Lehren und Lernen dieser Fähigkeit mit der KI immer weiter zurückgedrängt wird.
Wobei die generativen KI-Modelle ja mit menschlichen Texten trainiert wurden.
Genau. Die KI ‚denkt‘, weil wir zuvor für sie gedacht haben. Ohne unsere Texte – die zu nutzen sie uns übrigens nie um Erlaubnis gefragt hat – könnte sie mit ihren statistisch arbeitenden Algorithmen nichts werden. Was wird geschehen, wenn wir ihr demnächst dieses Spielfeld allein überlassen werden?
Was sind die größten Irrtümer über Philosophie als Beruf?
Viele glauben ja gar nicht, dass die Philosophie überhaupt ein Beruf ist. Wenn ich mich als Philosophin vorstelle, sind die Reaktionen immer sehr bezeichnend: „Wie, echt? Das gibt es?“ Als nächstes muss ich meistens klarstellen, dass Philosophie nicht ‚Psychologie‘ meint usw.
Dass die Philosophie in der akademischen Welt ein Fach ist wie viele andere auch und dort zu arbeiten ebenfalls Lehre, Forschung, Selbstverwaltung impliziert, ist den wenigsten einsichtig. Allerdings muss man auch dazu sagen, dass dieses Unwissen sich ebenso auf andere Fächer erstreckt, wenn wenig oder keine Berührungspunkte zum akademischen Leben im eigenen Umfeld vorliegen.
Besonders schön ist grundsätzlich das weit verbreitete Missverständnis über die „Semesterferien“, die – leider, leider – eben doch nicht bloß in ausgedehntem Urlaub bestehen, sondern meist das Gegenteil bedeuten.
Was ist die gesellschaftliche Rolle der Philosophie?
Ich bin der festen Überzeugung, und meine Erfahrung hat mir das auch immer wieder gezeigt, dass philosophische Fragestellungen bei vielen Menschen – wenn natürlich auch nicht bei allen – auf großes Interesse stoßen. Dieses Interesse sollten wir PhilosophInnen ernst nehmen, für die Fragen der Leute offen sein und mit ihnen diskutieren. Wenn wir der Meinung sind, dass dafür bestimmte Hintergrundinformationen wichtig sind, um die Fragestellungen angemessen verstehen und analysieren zu können, sollten wir uns bemühen, dieses Wissen an die Menschen zu vermitteln.
Ich finde es bedauerlich, dass die PhilosophInnen der Gegenwart sich nur noch selten den großen Fragen des Lebens stellen und sich eher in „philosophischen Fingerübungen“ verlieren, wie das Philip Kitcher mal genannt hat.
Gibt es philosophischen Fortschritt? Wenn ja, was ist ein gutes Beispiel dafür?
PhilosophInnen bauen keine Brücken und entwickeln keine technologischen ‚Gadgets‘, aber sie können den Menschen dabei helfen, über ihr Dasein in der Welt zu reflektieren. In unserer Disziplin haben wir viele Probleme, Begriffe und Theorien gründlich durchdacht und reflektiert. Vielleicht haben wir dabei nicht die eine beste Lösung gefunden, aber wir sind sehr viel besser im Fragen geworden, wie einmal Maria Reicher zu mir sagte. Auch dieses genauere und reflektierte Nachfragen kann enorm hilfreich sein, wie schon andere lange vor mir festgestellt haben.
Was fehlt Ihnen, um besser zu philosophieren?
Das, was allen in der akademischen Welt fehlt: Zeit!