Was ich noch sagen wollte
PhilPublica stellt vor
Felicitas Holzer
Wenn Sie ein zweites Leben hätten, in dem es keine Philosophie gäbe, was würden Sie damit anfangen?
Ich würde als Mechanikerin auf einer Ölplattform in Lateinamerika arbeiten oder Frachtschiffe fahren, vielleicht auch als Verfahrensingenieurin eine Chemieanlage entwerfen.
Das klingt in der Tat philosophiefern. Woher diese Präferenz?
Die große, schwere Technik hat mich vor langer Zeit – wenn auch später als die Philosophie – in ihren Bann gezogen und seitdem nicht mehr losgelassen. Es ist wohl die schiere Unmöglichkeit dieser brachialen, schöpferischen Selbstermächtigung des Menschen, die mich fasziniert – und vielleicht auch die philosophische Neugierde, den Menschen durch die Technik besser zu verstehen.
Hat Ihre philosophische Tätigkeit verändert, wie Sie im Alltag handeln?
Ja, es ist ein wahres Unglück – gerade die Moralphilosophie hat mir die passenden Werkzeuge in die Hand gelegt, allem und jedem das Gegenteil seiner oder ihrer (guten und ehrbaren) Ansicht aufzuzeigen, und das mit stichhaltigen Argumenten, die mich selbst den absurdesten Diskurs gewinnen lassen. Zudem habe ich eine gewisse Neigung entwickelt, diesen Geist des Widerspruchs besonders im Familien- und Freundeskreis zu kultivieren.
Warum schreiben Sie für die außerakademische Öffentlichkeit?
Weil es schlicht mehr Freude bereitet. An dieser Stelle schulde ich vor allem den außerakademischen Institutionen Dank – und insbesondere dem Philosophie Magazin –, die meine Texte überhaupt der Öffentlichkeit zumuten.
Welcher Ihrer Texte liegt Ihnen besonders am Herzen?
Keiner im Besonderen, aber wenn mir etwas am Herzen läge, dann die außerakademischen Texte, weil sie eben eine Herzens- und keine bloße Kopfangelegenheit sind.
Was stört Sie an der akademischen Philosophie?
Die Institution, die abstrakte Systembildung, die Abhängigkeiten, das Lösen von Scheinproblemen, die Illusion, man könnte philosophische Resultate (was auch immer das ist) messen, der fehlende Mut, eine eigene Philosophie zu entwerfen. En bref – wenn Sie einmal versucht haben, einen Finanzierungsantrag zu stellen, dann bekommen Sie bereits eine recht gute Idee davon.
Das ist eine ziemlich lange Liste.
Ja. Vielleicht ist es einfacher zu sagen, was mich nicht stört: die akademische Philosophie verhilft einigen wenigen Glücklichen zu einem angenehmen Auskommen, ohne sich zu sehr in die Wirren des Alltags einer unangenehmen Arbeit verstricken zu müssen.
Fühlen Sie sich unter anderen Philosoph:innen besonders wohl?
Äußerst selten, doch gelegentlich möglich.
Könnten Sie jemanden küssen, der Philosophen für Schwätzer hält?
Es kommt doch, denke ich, wie so oft bei solchen Geschichten, vor allem auf die Hygiene an. Denn dem Philosophen Théodore Jouffroy zufolge gäbe es keine andere Moral als die Hygiene, wenn der Mensch ausschließlich der Körper wäre.
Woran arbeiten Sie gerade?
An einem Roman über eine linksrevolutionären Combatante in Chile, die während der Pinochet-Diktatur Bomben legt, dann nach Buenos Aires, Paris und Ostberlin flieht und – gebrochen, der bürgerlichen Schicht nun wieder zugehörig – in Chile stirbt. Aber ich versuche mich auch an einem akademischen Projekt zur Verhaltensbeeinflussung (behavioural influence) durch neue Technologien.
Das ist fast eine ganze Disziplin.
Ja, und sie interessiert mich brennend – aus eben jenem Grunde, der Joseph de Maistre 1794 dazu veranlasste, im schweizerischen Exil an die Marquise de Costa zu schreiben: Man muss den Mut haben, es zuzugeben, Madame, lange Zeit haben wir die Revolution, deren Zeugen wir sind, nicht verstanden, lange Zeit haben wir sie für ein Ereignis gehalten. Wir haben uns geirrt: Es ist eine Epoche; und wehe den Generationen, die Zeugen der Epochen der Welt sind!
Ist es für Ihr Denken wichtig, verschiedene Sprachen zu sprechen?
An mir ist leider ein Sprachphilosoph verloren gegangen; wäre es nicht die Sozialphilosophie gewesen, dann sicher die Sprache. Wahrscheinlich als Remedium, um zu erklären, warum ich meine Persona auf Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch ständig wechsle. Mehr noch, als dass man bloß eine Rolle spielt, gerät man – um es mit Johann Gottfried Herder zu sagen – in einen Gedankenfluss, der Denken und die einem anhaftende Kultur gleichermaßen bestimmt. Sprache ist das Organ des Denkens; sie prägt eine Weltansicht und haucht einer Sprachgemeinschaft Leben und Geschichte ein.
Die Sprachphilosophie von Herder und Humboldt wird oft auf das Problem der Übersetzbarkeit bezogen.
Keine Übersetzung kann einer Sprache vollends gerecht werden kann; sie mag Anklang finden, einem Kern nahekommen und einen gewissen Spielraum kultureller Imitation eröffnen, bleibt aber immer nur Annäherung. Kurz gesagt: Ich glaube an das radikale Übersetzungsproblem – die Einsicht, dass keine Sprache vollständig übersetzbar ist – wie es Quine in Word and Object formuliert … und leite davon den Imperativ ab, dass Philosophen gut daran täten, sich mehr lebendige und auch tote Sprachen anzueignen, nicht zuletzt, um der Welt ein kleines Stückchen näherzukommen.