Was ich noch sagen wollte
PhilPublica stellt vor
Marie-Luise Raters
Woran arbeiten Sie gerade?
Mein derzeitiger Forschungsgegenstand sind Supererogationen. Das sind moralisch wertvolle Handlungen, die man nicht tun muss, weil sie keine Pflicht sind. Mancherorts wird bestritten, dass es Supererogationen geben kann, weil der moralische Wert einer Handlung prima facie ein guter Grund zu sein scheint, dass die Handlung Pflicht sein sollte. Falls es Supererogationen gibt, ist umstritten, welche Handlungen in diese Kategorie fallen. Mögliche Kandidaten sind Lebendspenden von Organen und lebensgefährliche Rettungsaktionen, aber auch Freundschaftsdienste und kleine Gefälligkeiten beispielsweise. Ich verteidige die Kategorie mit dem Argument, dass es Gründe geben kann, aus denen man bei manchen moralisch wertvollen Handlungen vernünftigerweise nicht wollen kann, dass sie Pflicht sein sollten.
Was spricht für die Kategorie supererogativer Handlungen?
Supererogationen interessieren mich, weil ich glaube, dass man den Anforderungen der Moral manchmal eine Grenze setzen sollte. Man muss nicht alles tun, was für andere gut wäre. Ich kann mich den Anforderungen der Moral manchmal auch verweigern, ohne dass ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben oder mich vor anderen rechtfertigen muss. Es gibt Grenzen dessen, was man sich selbst oder anderen im Namen der Moral abverlangen darf. Mit dem Argument der Supererogation lassen sich solche Verweigerungen gegen die usurpatorischen Tendenzen der Pflichten begründen. Außerdem interessiert mich, ob es kollektive Supererogationen geben kann, beispielsweise von Firmen oder Staaten.
Was ist aus Ihrer Sicht die gesellschaftliche Rolle der Philosophie?
Die philosophische Kernkompetenz ist in meinen Augen das kritische Denken. Philosoph:innen geben begründete Antworten auf schwierige Fragen ihrer Zeit. Zudem hinterfragen Sie solche Antworten, indem sie ihre Begründungen prüfen. Das sollte jeder können, der am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen will.
Mit „jeder“ meinen Sie insbesondere auch Schüler:innen, oder? Sie sind seit langem in der Lehrerausbildung und in der Didaktik der Ethik engagiert.
Nein, ich meine tatsächlich jeden, der am gesellschaftlichen Diskurs teilnimmt. Aber weil Schüler:innen lernen sollen, an diesem Diskurs teilzunehmen, halte ich Fach Ethik (oder Philosophie oder LER) für ein zentrales Schulfach. In einer Zeit von Fake News, rechtem Populismus und dem Dauer-Influence durch Instagram, TikTok, Snapchat etc. dürfen die Fähigkeiten zum differenzierten Argumentieren und zum Lesen bzw. Verstehen komplexer Texte nicht verloren gehen. Wenn solche Fähigkeiten nicht mehr entwickelt werden, leidet unsere Demokratie. Ein funktionierender gesellschaftlicher Pluralismus hängt ja nicht nur von Grundrechten ab, sondern auch von respektvollen Diskursen. Deshalb halte ich ein Schulfach mit philosophischen Anteilen für unverzichtbar.
Was ist Ihr Lieblingszitat?
„Wohl dem, der das Beste nicht verlor im Kampf des Lebens: den Humor“. Das war das Lieblingszitat meiner Mutter, der ersten, wichtigsten und witzigsten Philosop:hin in meinem Leben.
Welchen Rat hätten Sie gern zu Beginn Ihrer Laufbahn erhalten?
Lass Dich weder einschüchtern noch anmachen und vertrau auf Deine philosophischen Fähigkeiten.
Was stört Sie an der akademischen Philosophie?
Namensschilder mit akademischen Titeln bei Tagungen.
Hilft Expertise in Ethik, ein besserer Mensch zu werden?
Ja ich glaube schon, weil man quasi automatisch anfängt, Situationen in ethischen Kategorien zu analysieren. Die Ethiker:in wird nicht immer gemäß ihrer Einsicht handeln. Aber zumindest wird ihre Einsicht manchmal schlechtes Handeln verhindern.
Welches Werk zitieren Sie am häufigsten?
Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Das mag nicht sehr originell sein. Aber ich mag dieses Buch, weil ein so positives und starkes Menschenbild gezeichnet wird. Kant traut dem Menschen in moralischer Hinsicht immens viel zu.
Worauf in der Zukunft sind Sie am meisten gespannt?
Ob es der Menschheit trotz Trump(els) und Co endlich gelingt, sich der Klimakatastrophe zu stellen und entsprechend zu handeln.
Könnten Sie jemanden küssen, der Philosophen für Schwätzer hält?
Natürlich – und wenn es nur ist, damit die Person selbst mal kurz die Klappe hält.