Was ich noch sagen wollte

PhilPublica stellt vor

Titelbild: Viktoria Knoll

Viktoria Knoll

Emmy Noether-Gruppenleiterin an der Universität des Saarlands

Was außerhalb der Philosophie hat Sie am meisten geprägt?

Sicherlich meine Herkunft. Meine Familie betreibt in mittlerweile dritter Generation eine mittelständische Bäckerei – ich bin praktisch in der Backstube aufgewachsen. So einen Betrieb am Laufen zu halten, ist eine unglaubliche Arbeitsleistung. Der Wecker klingelt früh morgens und man fällt abends ins Bett. Die ganze Familie muss ran und nur sonntags werden kurz die Beine hochgelegt.

Das klingt wie eine ideale Vorbereitung auf die Welt der akademischen Philosophie.

Ich habe selbst keine Ahnung, wie man aus einer solch zupackenden Familie den Weg in die abstrakte Welt der Philosophie findet. Aber dass ich etwas unakademisch veranlagt bin, liegt wohl nicht zuletzt an meinem Elternhaus. Und vielleicht auch, dass ich meinen Job als Philosophin besonders zu schätzen weiß! Denn viel arbeiten muss man in der Philosophie zwar ebenfalls – aber immerhin nicht um vier Uhr morgens, in einer heißen Backstube.

Was stört Sie an der akademischen Philosophie?

Ich mag meine Disziplin wirklich sehr. Allerdings nervt mich ein wenig das Gerede darüber, wer „schlau“ ist und wer nicht – und dass als schlau gerne die besonders schnellen, kritischen und selbstbewussten Denker*innen gelten. Außerdem: dass wir nicht schon längst ein diverserer Haufen sind. (Ein Schelm, wer hier Zusammenhänge vermutet.)

Soll man glauben, was die Mehrheit glaubt?

Ich denke, häufig ja. Dem allgemeinen Genörgel über "Mainstream-Positionen" in der Philosophie (und außerhalb) kann ich daher eher wenig abgewinnen. Gute Gründe werden eben oft von vielen Leuten eingesehen! Das soll nicht heißen, dass alle Mainstream-Positionen richtig sind. Manchmal erscheinen eben vielen Leuten Gründe gut, die de facto schlecht sind. Aber selbst in solchen Fällen kann es rational sein, zu glauben, was die Mehrheit glaubt.

Etwas de facto schlecht Begründetes glauben, warum denn das?

Naja, dass die Mehrheit eine These für wahr hält (selbst wenn sie nicht wahr ist), kann in vielen Kontexten der beste mir zu Verfügung stehende Hinweis sein. Und es ist eben unterm Strich rational, das zu glauben, wofür meine beste Evidenz spricht.

Ist die Philosophie eine Wissenschaft?

Die interessantere Frage ist doch, ob wir die Philosophie eine Wissenschaft nennen sollten! Und die Antwort auf diese Frage ist in meinen Augen ein Ja. Wir gehen systematisch auf Wahrheitssuche, wir haben ausdifferenzierte Subdisziplinen, sehr hohe Publikationsstandards und vieles mehr. Es gibt in meinen Augen keinen Grund, uns nicht als selbstverständlichen Teil der internationalen Wissenschaftscommunity zu begreifen.

Worin besteht die größte Herausforderung der KI für die Philosophie?

Die Herausforderungen sind in meinen Augen noch nicht allzu groß, solange ChatGPT auf diese Frage antwortet, dass „eine der größten Herausforderungen der KI für die Philosophie [darin besteht], zu klären, ob und in welchem Sinn KI-Systeme wirklich verstehen, denken oder handeln können“ . . .

Aber Spaß beiseite: Es ist in meinen Augen zumindest eine interessante Herausforderung für Philosoph*innen, zu erklären – und auch zu rechtfertigen –, warum sich die Gesellschaft langfristig eigentlich noch Philosophieinstitute leisten soll. Wozu braucht man uns noch, wenn unsere Antworten auf die großen Fragen irgendwann auch nicht mehr viel besser sind als die von Claude und Co?

Was fänden Sie schlimmer: nie wieder schreiben oder nie wieder diskutieren zu können?

Ich hasse diskutieren, ich liebe schreiben.

Fühlen Sie sich unter anderen Philosoph:innen besonders wohl?

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich zu Beginn meines Studiums am Hamburger Philosophischen Seminar den studentischen Freiraum (das legendäre Philo-Caphé) betreten habe und direkt dachte: Hier bist du richtig! Philosoph*innen sind schon ein witziger Schlag Menschen und unter ihnen fühle ich mich tatsächlich häufig wie ein Fisch im Wasser. Allerdings weiß ich mittlerweile – auch durch meine Arbeit für und bei SW*IP Germany –, dass es gerade für Frauen in der Philosophie nicht untypisch ist, sich fehl am Platz zu fühlen.

Sie spielen darauf an, dass es noch immer so wenige Frauen auf Professuren in der Philosophie gibt.

Genau. Viele Frauen haben den Eindruck, eine Karriere in der Philosophie sei letztlich einfach „nichts für sie“ und sie fühlen sich in unserem Fach eben nicht „genau am richtigen Ort“. Gott sei Dank – die Zeiten ändern sich. Aber auch heute wird die Philosophie vielerorts noch von (zumeist männlichen) Egos dominiert. Und die mindern nicht nur mein persönliches Wohlbefinden. Ihr „Genie-Gehabe“ verhindert, dass sich alle am Diskurs beteiligen. Es täuscht darüber hinweg, dass (fast) alle von uns letztlich nur mit Wasser kochen. Und es bewirkt, dass insbesondere viele Frauen ihre Leistungen und ihr philosophisches Talent unterschätzen.

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