Was ich noch sagen wollte

PhilPublica stellt vor

Titelbild: Gerhard Ernst

Gerhard Ernst

Professor für Philosophie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Welcher philosophische Text hat Ihr Leben verändert?

Vielleicht verkläre ich das etwas im Nachhinein, aber für mein philosophisches Leben hat Freges Die Grundlagen der Arithmetik eine wichtige Rolle gespielt. Ich fand zu der Zeit eigentlich vor allem Heidegger und Hegel klasse. Aber die Klarheit und argumentative Präzision von Freges Grundlagen  hat mich wirklich schwer beeindruckt, auch wenn ich eigentlich kein besonderes Interesse am Begriff der Zahl hatte. Wow, so kann Philosophie sein!

Was ist Ihr Lieblingszitat?

Das ist einfach: Der Schluss von § 112 der Philosophischen Untersuchungen von Wittgenstein. „»Es ist doch nicht so!« - sagen wir. »Aber es muß doch so sein!«“ Für mich drückt dieser Satz genau das aus, was ich an der Philosophie immer am faszinierendsten gefunden habe, nämlich dass sie sich mit tiefen intellektuellen Rätseln beschäftigt, welche diese eigentümliche Form annehmen. Es ist doch nicht so, dass wir nichts wissen können. Aber es muss doch so sein. Es ist doch nicht so, dass wir keinen freien Willen haben. Aber es muss doch so sein. Es ist doch nicht so, dass die Moral subjektiv ist. Aber es muss doch so sein. Und so weiter. Solche Rätsel stehen für mich im Mittelpunkt der Philosophie.

Wenn Sie ein zweites Leben hätten, in dem es keine Philosophie gibt, was würden Sie damit anfangen?

Wenn es noch keine Philosophie gäbe, würde ich versuchen, Dialoge zu schreiben, in denen so ein älterer, etwas besserwisserischer Herr sich mit verschiedenen Gesprächspartnern darüber unterhält, wie man leben soll, was Wissen ist, was Gerechtigkeit etc…

Würden Sie Ihren Kindern dazu raten, Philosophie zu studieren?

Ich sage meinen Kindern schon immer, dass sie, bevor sie irgendwelchen Flausen im Kopf nachgehen (und zum Beispiel eine Banklehre machen), erst einmal etwas Handfestes studieren sollen, womit man etwas anfangen kann im Leben: Philosophie. Aber sie hören nicht auf mich, obwohl ich das (fast) ganz ernst meine. Nichts scheint mir nützlicher im Leben zu sein, als sich Gedanken darüber zu machen, was letztlich nützlich im Leben ist.

Was können wir aus der Philosophiegeschichte lernen?

Natürlich lernt man in der Auseinandersetzung mit historischen Positionen jede Menge über inhaltliche philosophische Fragen. Aber ich finde es auch wichtig, dass man sieht, was alles gute Philosophie sein kann, also wie vielfältig die Philosophie ist. Wenn man nur Texte aus den letzten 20 Jahren liest, denkt man vielleicht: „Aha, das also ist Philosophie.“ Und das gefällt einem dann oder es gefällt einem nicht. Dass Philosophie auch ganz anders sein kann, kann einem da leicht entgehen.

Warum schreiben Sie für die außerakademische Öffentlichkeit?

Ich glaube, dass die Philosophie Fragen behandelt, die jeder Mensch irgendwie (explizit oder implizit, nach genauem Nachdenken oder eher nebenbei) für sich beantwortet. Alle haben irgendeine  Antwort auf die Fragen, wie man leben soll, was gerecht ist, was man wissen kann, was es gibt, was Schönheit ausmacht etc. Die Philosophie hat deshalb Dinge zu sagen, die potentiell viele Menschen interessieren (oder interessieren sollten) – und sie sollte das deshalb, finde ich, auch gelegentlich in einer Form tun, die es vielen Menschen möglich macht, sie zu verstehen.

Könnten Sie jemanden küssen, der Philosophen für Schwätzer hält?

Jedenfalls lieber als jemanden, der Schwätzer für Philosophen hält.

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