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Geert Keil
Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin
Welches Vorurteil gegenüber der akademischen Philosophie ärgert Sie am meisten?
Eine Journalistin hat einmal über Robert Habeck geschrieben: „Obwohl er Philosophie studiert hat, also unter Schwur­bel-Verdacht steht, . . . “ Wie bitte?!

Was stört Sie an der akademischen Philosophie?
Ideenarmut. Sophistik. Schlecht geschriebene Texte. Aber von alledem findet man in der akademi­schen Philoso­phie auch das leuchtende Gegenteil. Quine, Davidson, Lewis waren auch des­halb so gut, weil sie einen weiten Horizont und Sinn für Relevanz hatten, weil sie einfallsreich waren und außergewöhnlich gut schrei­ben konnten.

Was ist Ihr Lieblingszitat?
Darf ich drei nennen?
Es gibt im philosophischen Schwimmbecken keine flache Seite. (Peter Strawson)
Ein moderner Philosoph, der nie das Gefühl gehabt hat, ein Scharlatan zu sein, ist dermaßen seicht, dass es wahr­schein­lich nicht lohnt, seine Werke zu lesen. (Leszek Kołakowski)
Wer nur von Philosophie etwas versteht, versteht auch von Philosophie nichts. (frei nach Hanns Eisler)

Welches philosophische Thema wird am meisten überschätzt?
Oh, das ist dünnes Eis. Natürlich gibt es auch in der Philosophie Moden. Manchmal wird Altes neu verpackt, manchmal die Fruchtbarkeit eines Ansatzes überschätzt, manchmal politisch Wichtiges philosophisch aufgebläht. Aber da kann man sich leicht verschätzen und seine eigene Unduldsamkeit zum Maß­stab machen. Sicher bin ich mir nur beim Neuen Realismus.

Wenn Sie ein zweites Leben hätten, in dem es keine Philosophie gibt, was würden Sie damit an­fangen?
Am Meer leben. Boote bauen. Mehr Literatur lesen.

Was spricht gegen Philosophenkönige?
Philosophenkönige sind bei Platon Experten, die Weisheit und Macht in sich vereinen. Ein großer Nachteil der Expertokratie gegenüber der Demokratie betrifft den Umgang mit Minderheiten­meinungen: Für die meisten Menschen ist „Du wirst überstimmt, weil die Mehrheit anders denkt“ leichter zu ertragen als „Du zählst nicht, weil Du dumm oder unwissend bist“.
Ein zweiter Nachteil der Expertokratie hängt mit der Fehlbarkeit selbst der klügsten Experten zusammen: Für die Folgen einer Ent­schei­dung, die sich als fatal erweist, sollte besser eine demokratisch legitimierte Mehrheit geradestehen als ein einzelner Sündenbock. Die Schnittmenge zwischen denen, die die Suppe eingebrockt und die sie auszulöffeln haben, sollte mög­lichst groß sein. Das ist für alle lehrreicher.

Gibt es philosophischen Fortschritt? Wenn ja, was ist ein gutes Beispiel dafür?
Fortschritt kann darin bestehen, dass einst verbreitete Irrtümer nunmehr weniger verbreitet sind. Oder darin, dass einst für unproblematisch Gehaltenes als problematisch erkannt wird. Oder darin, dass neue Werkzeuge ent­wickelt werden, um ein altes Problem zu lösen. Solche Fortschritte gibt es in der Philosophie. Ein Beispiel der dritten Art: Platon kämpft im Dialog Parmenides mit dem Rätsel des Nichtseien­den. Ein Satz wie „Pegasus existiert nicht“ muss von irgendetwas handeln. Von Pegasus kann er nicht handeln, denn der existiert ja nicht. Muss es Pegasus in irgendeinem Sinn doch geben, damit wir von ihm sagen können, dass es ihn nicht gibt? Platon hatte die begriff­lichen Werkzeuge und Unterscheidungen nicht zur Verfügung, die er zur Lösung des Rätsels gebraucht hätte. Dafür bedurfte es der Arbeiten von Frege, Russell und Quine. Das war ein echter Erkenntnisfort­schritt.

Ist die Philosophie eine Wissenschaft?
Wissenschaft ist nach einer schönen Definition des Verfassungsgerichts „jede Tätig­keit, die nach Inhalt und Form als ernst­hafter planmäßiger Versuch der Wahrheitsermittlung anzu­sehen ist“. Diese Definition trifft auf die professionell betriebene Philosophie zu, solange man nicht bestimmte Wahrheiten (z. B. empirische) oder bestimmte Ermittlungsverfah­ren (z. B. Beobachtung und Experiment) privilegiert. Die Philosophie trägt wie die anderen Wissen­schaften zur systematischen, metho­disch kontrollierten, ergebnisoffenen, fehlbaren Erkennt­nis­suche bei. Vielleicht ist Philosophie nicht nur  Wissenschaft, aber sie ist auch  Wissenschaft.

Was ich noch sagen wollte:
Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: das Lebenswerk von Aristoteles und das von Kant.
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